NZZ, Frank Scheffold

Mit der Ausweitung der Zertifikatspflicht setzt sich der schleichende Prozess der oft willkürlichen Freiheitseinschränkungen fort. Das Zertifikat wird zur Pflicht für alle Arten von Alltagsgeschäften und zum Nachweis für sozial angemessenes Verhalten.

Ohne Covid-Zertifikat ist vieles nicht mehr möglich.

 

Seit Beginn der Corona-Krise stehen Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie in der Kritik. Viele der restriktiven Massnahmen, wie Lockdowns und Shutdowns, Reisebeschränkungen, im benachbarten Ausland auch längere Schulschliessungen und Maskenpflicht für Kinder, widersprechen früheren Plänen zur Pandemiebekämpfung.

Die Wirksamkeit vieler dieser Massnahmen über den gesamten Verlauf der Pandemie ist bis heute wissenschaftlich kaum belegt und umstritten. Ein klarer Zusammenhang zwischen der Strenge der Massnahmen für verschiedene Länder oder Regionen und den Opferzahlen während der Pandemie ist nicht ersichtlich. Zudem wurden Massnahmen oft verschärft, wenn die Infektionswellen bereits wieder rückläufig waren, so dass ein möglicher Effekt weitgehend verpuffte.

Blinder Aktionismus

Zuletzt war zu beobachten, dass die Reproduktionszahl in der Schweiz zwar bis Anfang August stark anstieg (auf 1,5), dann aber bis zum Tag der Einführung der Zertifikatspflicht am 13. September auf einen niedrigen Wert (unter 0,8) abgerutscht ist und seither dort verharrt. Auch die möglichen Kollateralschäden der Massnahmen wurden kaum bedacht, und so sind die globalen Verwerfungen, die wir derzeit erleben, von Produktionsausfällen aufgrund unterbrochener Lieferketten bis zur drohenden Inflation, letztlich eine Folge der Massnahmen und nicht der Pandemie selber.

Das ursprüngliche Ziel, die Hospitalisierungs-Welle zu brechen, wurde früh aus den Augen verloren und durch oft blinden Aktionismus zur Bekämpfung der Fallzahlen ersetzt. Jede Einschränkung war per Definition gut, egal ob sinnvoll oder nicht, und musste bestenfalls gegen das Machbare abgewogen werden. Wirtschaftliche Zwänge spielten dann oft eine Rolle, Kultur und Freiheitsrechte eher weniger. Es ist kein Zufall, dass die Grenzen im Sommer stets für den Tourismus geöffnet waren, ebenso wie die Schweizer Skigebiete im letzten Winter. Selbst im streng regulierten Deutschland wurde die Nutzung der überfüllten öffentlichen Verkehrsmittel nach dem Frühjahr 2020 nie wieder eingeschränkt.

Eine übergeordnete längerfristige Planung, basierend auf einem strukturierten Prozess unter Einbeziehung der Interessen aller Betroffenen: Fehlanzeige. Dabei war es von Beginn an absehbar und von vielen erfahrenen Epidemiologen vorhergesagt, dass das Virus endemisch werde und eine durchgemachte Infektion einen hohen Schutz biete. Doch stattdessen folgt die Politik, getrieben von Meinungsmachern und Medien, lieber dem Vogel-Strauss-Prinzip: Was nicht sein darf, kann nicht sein.

Ausweitung der Impfziele

Was bezüglich der Massnahmen falsch gemacht wurde, setzt sich nun auch bei den Impfungen fort. Nachdem sich die Schweiz zunächst wissenschaftlich fundiert auf die Impfung der Risikogruppen und der Bevölkerung über 50 konzentriert hatte, wird dieses Ziel sukzessive fallengelassen. Obwohl mehr als 90 Prozent der über 65-Jährigen geimpft oder genesen sind, werden nun Impfziele für die Gruppe der über 16-Jährigen ausgegeben, obwohl es seit Februar keine erhebliche Übersterblichkeit mehr gab und aufgrund der fast vollständigen Durchimpfung der Risikogruppen auch in Zukunft keine solche zu erwarten ist.

Kürzlich hat eine grosse israelische Studie gezeigt, dass die Impfung die Risikogruppen zwar länger vor schwerer Erkrankung schützt, aber im Allgemeinen nur wenige Monate vor einer Infektion, was selbst die Impfhersteller nicht bestreiten. Die Impfung von Genesenen und Jugendlichen erscheint aus diesem Grund nicht dringlich, da die Krankheitslast sehr gering ist und durch die Impfung keine Herdenimmunität erreicht werden kann.

Durch den breiten Einsatz des Zertifikats wird für die Impfung ein Prozess in Gang gesetzt, der sich von der Pandemie abkoppelt und verselbständigt, ähnlich den Massnahmen zu Beginn der Pandemie. Das Zertifikat wird in der Schweiz und im Ausland zunehmend zur Pflicht für alle Arten von Alltagsgeschäften und gleichzeitig zum Nachweis für sozial angemessenes Verhalten.

Einmal eingeführt, ist es schwer abzusehen, wann diese Pflicht wieder aufgehoben wird. Unternehmen, Fluggesellschaften und Veranstalter im In- und Ausland planen bereits, das Zertifikat bis mindestens Herbst 2022 zu nutzen. Da die Impfung nur einen kurzfristigen Schutz vor Ansteckung bietet, wird die Gültigkeitsdauer des Zertifikats wahrscheinlich bald auf sechs Monate reduziert werden müssen, wie es bereits in Israel geschehen ist.

Es stellt sich die Frage, ob sich dann ein Grossteil der Bevölkerung, ohne erkennbaren medizinischen Nutzen, alle sechs Monate impfen lassen muss. Der Bundesrat sollte dazu vor der Abstimmung über das Covid-Gesetz Ende November klar Stellung beziehen. Er sollte sich auch überlegen, welche Geister er mit der massiven Ausweitung der Zertifikatspflicht aus der Flasche gelassen hat und wie er den schleichenden Prozess der oft willkürlichen Freiheitseinschränkungen wieder rückgängig machen kann oder möchte.