Nebelspalter, Philipp Gut

Sonntagsblick-Chefredaktor Gieri Cavelty unterstellt der basisdemokratischen Bürgerrechtsbewegung, die für Freiheit und Grundrechte eintritt, «totalitäre Züge» und nennt sie in einem Atemzug mit Hitler und Stalin. Eine manipulative Entgleisung der Extraklasse. 

An der Zürcher Dufourstrasse gibt es kein Halten mehr. In seinem aktuellen Editorial packt Sonntagsblick-Chefredaktor Gieri Cavelty die dicksten Knüppel aus, die es in der westlichen Zivilisation gibt: Hitler und Stalin. Er nennt die basisdemokratische Bürgerrechtsbewegung, die im Zuge der autoritär verfügten Coronamassnahmen entstanden ist und Freiheit und Grundrechte verteidigt, in einem Atemzug mit den grössten Schlächtern der Menschheitsgeschichte. Dabei verfährt er höchst manipulativ. Sein demagogischer Dreh: Er verknüpft die Bürgerrechtler rhetorisch mit den Diktatoren und Massenmördern, indem er schreibt, sie alle hätten das Wort «Freiheit» im Mund geführt.

Hemmungslose Nazi-Vergleiche

Zitat Sonntagsblick: «Selbst die schlimmsten Unterdrücker der Menschheit beriefen sich auf die Freiheit. 1935 feierten die deutschen Nationalsozialisten den ‹Parteitag der Freiheit›. Das war jene Propagandaveranstaltung der NSDAP, bei der die sogenannten Nürnberger Rassengesetze verkündet und die Juden in Deutschland ihrer staatsbürgerlichen Rechte beraubt wurden. Der sowjetische Diktator Josef Stalin beschwor in seinen Reden die ‹Freiheit der Arbeiter und Bauern›, Vorgänger Lenin forderte ‹Freiheit für die Arbeiterklasse›.»

Damit nicht genug, setzt Cavelty noch einen drauf und schwafelt von der «RAF», den linksextremen Terroristen, die in den 1970er Jahren in Deutschland mehrere tödliche Attentate verübten.

Gipfel der Manipulation

Natürlich weiss Brandstifter Cavelty ganz genau, dass seine historischen Totschlag-Argumente so inhaltsleer wie deplatziert und degoutant sind. Darum baut er die Kritik daran gleich mit ein: «Aber ist es nicht mehr als übertrieben, die paar Tausend radikale Impfgegner in einem Atemzug mit den finstersten Gestalten der Geschichte zu nennen? Die Beispiele führen in jedem Fall vor Augen: Nur weil einer die Freiheit im Mund führt, ist er noch lange nicht ihr Fürsprecher. Wichtig ist der Zusammenhang, in dem das Wort gebraucht wird. Entscheidend sind die Taten.»

Das ist nun der Gipfel der Leser-Manipulation: Eigentlich würden diese Worte die ganze braun-rote Brachialrhetorik dieses beispiellos entgleisten Editorials ad absurdum führen. Aber Cavelty unterstellt in einem nächsten rhetorischen Salto Mortale, dass die Schweizer Bürgerrechtsbewegung auch durch ihre «Taten» mit Hitler und Stalin vergleichbar sei! Beinahe verschlägt es einem die Sprache.

Trauriges Zeugnis für den Journalismus

Es ist betrüblich und eine intellektuelle Zumutung obendrein, dass man es überhaupt festhalten muss: Was der Sonntagsblick in Person seines Chefredaktors da treibt, ist erstens eine Verhöhnung der Dutzenden Millionen Toten, für welche die Massenmörder Hitler und Stalin verantwortlich sind. Und zweitens werden damit Hunderttausende von Schweizerinnen und Schweizern diffamiert, die nichts anderes machen, als sich für ihre Freiheit, ihre Rechte und ihre körperliche Selbstbestimmung einzusetzen.

Was soll man dazu noch sagen? Es ist die journalistische und geistige Bankrotterklärung des publizistischen Flaggschiffs eines der grössten und einflussreichsten Medienhäuser der Schweiz, des Ringier-Konzerns. Dass die internen Qualitätsmechanismen nicht spielen und ein dermassen hetzerischer Kommentar ungefiltert ins Blatt rutscht, stellt zumindest dem Ringier-Journalismus ein ganz trauriges Zeugnis aus.